Samstag, 11. März 2006

Unsere "letzte" Kolonie

"Traditionelle Speisen aus Deutschland" steht über dem Schaufenster an einem kleinen Eckladen im Einkaufszentrum "Pueblo Ingles" in Vitacura. Es ist ein unscheinbarer Laden. Die Verkäuferin ist leicht mollig, wirkt europäisch und versteckt sich hinter der Theke. "Wir dürfen nicht so laut deutsch sprechen", sagt Ana. Die Verkäuferin spreche und verstehe selbst nur deutsch. Sie ist ein Übrigbleibsel der "Colonia Dignidad" (Kolonie der Würde) - eine "unserer letzten Kolonien".

Die "Colonia Dignidad" wurde von Paul Schäfer ins Leben gerufen. Er gründete erst in Deutschland unter dem Namen "Private Sociale Mission" ein Erziehungsheim in Siegburg, in dem Kinder untergebracht waren. Schnell stellte sich heraus, dass es sich bei diesem illustren Verein um eine Sekte handelte und Schäfer weniger um das Wohl der Kinder besorgt war, als viel mehr um die Befriedigung seiner eigenen Triebe. Da dies den deutschen Behörden nicht lange verborgen blieb, musste Schäfer 1961 aufgrund von staatsanwaltlichen Ermittlungen nach Chile fliehen. Im Süden von Chile bekam er mit Unterstützung Offizieller ein Areal von der Größe des Saarlands zugesprochen. Das war der Anfang der "Colonia Dignidad" - und damit auch der Anfang der Leiden vieler unschuldiger Menschen.

Es sollte eine Kolonie nach dem Führerprinzip sein. In ihrer Abscheulichkeit und Perversion stand diese dem Dritten Reich auch in nichts nach - zumindest was die Abgründe angeht. Es gab eine strikte Geschlechtertrennung, keine Informationen von außen und Gehirnwäschen unterstützt durch Medikamente. Schäfer besorgte sich durch getäuschte Zwangsadoptionen immer wieder kindliches Frischfleisch zum Ausleben seiner pädophil-homosexuellen Neigung. Unterstützt durch chilenische Regierungsorgane und deutsche Alt-Nazis baute er sich ein funktionierendes Netzwerk auf, das ihm auch für illegale Waffengeschäfte dienlich war.

Maxime der Kolonie war die Ausrottung des Kommunismus. Nach dem Militärputsch 1979 unter Pinochet gegen Allende, bekam die "Colonia Dignidad" eine weitaus größere Rolle zugeschrieben: Das komplette Gelände wurde zu militärischem Sperrgebiet erklärt und alle, die dort lebten - oder leben mussten - zu Mitarbeitern des damaligen chilenischen Geheimdiensts DINA gemacht. Pinochet nutzte fortan die Kolonie, um dort seine unlieben Regimegegner foltern und beseitigen zu lassen. Gleichzeitig diente das "Lager" Pinochets Soldaten und Agenten als Ausbildungsstätte in Verhörmethoden.

Nur wenigen, die unfreiwillig dort festsaßen, missbraucht und gedemütigt wurden, gelang die Flucht. Auch die Bundesregierung hielt sich lange Zeit zurück, obwohl die Vorgänge dort bekannt waren. Schäfer rühmte sich bester Kontakte in Politikerkreisen, Franz-Josef Strauss ist nur eines der Beispiele. Während Pinochet war die "Colonia Dignidad" unantastbar. Sie wurde sogar zu einer richtigen Militärbasis ausgebaut: Unterirdische Bunkeranlagen, Stacheldraht und Kommandoanlagen gab es. Und die unterdrückten, nicht gebildeten und ständig missbrauchten, teilweise unfreiwilligen Bewohner gab es auch noch. Einer von diesen konnte fliehen. Er heißt Efrain Vedder (35) und verarbeitete seine Erlebnisse in einem Buch: "Weg vom Leben". Hier der Klappentext: Nach außen scheint die deutsche Sekte Colonia Dignidad in Chile ein Musterbetrieb zu sein. Hier leben und arbeiten mehr als 250 Deutsche unter der Leitung von Sektenchef Paul Schäfer. Ein Blick über die Mauern mit Stacheldraht offenbart jedoch ein Arbeitslager, in dem die Bewohner Tag und Nacht arbeiten müssen und durch seelischen und körperlichen Terror in Abhängig keit gehalten werden.
Schäfer, der wegen Pädophilievorwürfen seit über 40 Jahren von Interpol gesucht wird und seit 1997 untergetaucht ist, hat durch seine Kontakte zum chilenischen Regierungsapparat bis zum heutigen Tag alle Anklagen unbeschadet überstanden:
Folterungen politischer Gefangener, ungeklärte Todesfälle auf dem Sektengelände und engste Verflechtungen zu (Ex-)Diktator Augusto Pinochet.
Unter den Augen seiner politischen Freunde und der Sektenbewohner mißbraucht er minderjährige männliche Bewohner seiner Sekte. Einer dieser Jungen ist der Chilene Efrain Vedder, der als Baby seinen Eltern weggenommen und in der Kolonie zwangsadoptiert wurde. Er wurde von Schäfer über viele Jahre vergewaltigt und unter Drogen gesetzt. Obwohl auch Vedder im bigotten Zeitgeist der 1950er Jahre und in religiöser Abhängigkeit erzogen wurde, schaffte er es, nach 35 gestohlenen Lebensjahren die Sekte aus eigener Kraft zu verlassen und sich ein neues, eigenes Leben aufzubauen.


Mittlerweile wurde Schäfer gefasst. Das Verfahren gegen ihn in Chile wurde jedoch eingestellt. Die Verhaftung und Anklage Schäfers hatte dennoch zu Veränderungen geführt: Das ursprüngliche, an ein KZ erinnernde Regime - Geschlechtertrennung, Briefzensur, Ausgehverbot und Züchtigung durch Schläge und Psychopharmaka - ist einem liberaleren Lebensstil gewichen: Eine von Schäfers ehemaligem Sicherheitschef Erwin Fege angeführte Gruppe von 20 Familien ist ausgezogen und siedelt fernab von Dignidad in der Nähe des Vulkans Osorno. Die Zurückgebliebenen erfreuen sich neuer Freiheiten. "In den letzten zwei Jahren gab es 20 Eheschließungen", berichtet Juvenal Pereira, der katholische Pfarrer von Parral, dem Nachbarstädtchen der Colonia Dignidad. Ein halbes Dutzend Jugendliche der Sekte, die früher keinen Fuß jenseits des mit Stacheldraht gesicherten Geländes setzen durften, gehen jetzt in Parral und in der Stadt Concepcion zur Schule oder erlernen einen Beruf außerhalb des Sektengeländes.(Kölner Stadtanzeiger vom 6. Mai 2002).

Viele sind sich nicht sicher: Ist das Übel wirklich ausgemerzt? Existiert die ursprüngliche "Colonia Dignidad" vielleicht doch noch? Auch über den Laden im Pueblo Ingles ist man sich nicht einig: Viele meinen, die "Kolonisten" hätten da noch ihre Finger und finanzielle Unterstützung im Spiel. Manch einer mag aber auch schon glauben, dass die einsame Frau in ihrem Laden einfach den Versuch unternimmt, ein normales Leben zu führen.

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